JAJ

Autorin

Kinder

Kinder sind was Tolles. Sie bereiten unglaublich viel Freude und manchmal Sorgenfalten. Kinder können kleine Engel sein, aber auch mächtig anstrengend. Da ich das Glück habe, mein Leben mit zwei außergewöhnlichen kleinen Menschen zu teilen, liegt es nahe, auch etwas für Kinder zu schreiben.


Tigermond

Die Kurzgeschichte für Kinder ab 6 Jahren erscheint, wenn alles klappt, im Herbst 2019 in der Anthologie Magischer Tigerwald bei Shadodex - Verlag der Schatten.


Späterland

Mein Fantasyroman für Kinder ab 10 Jahren wird ebenfalls im Verlag der Schatten erscheinen, ungefähr zur gleichen Zeit wie die Anthologie Magischer Tigerwald.


Der Hilfsengel. Eine Weihnachts-Kurzgeschichte

Was für ein trauriger Heiligabend für Lena und Finn: Nicht nur, dass Opa im Krankenhaus liegt, nein, auch der Weihnachtsmann wird dieses Jahr nicht kommen. Zum Glück gibt es Oma, die mit einem ganz speziellen Brief dafür sorgt, dass es dennoch ein schönes Fest wird.

Diese kleine Weihnachtsgeschichte habe ich vor einigen Jahren aus gegebenem Anlass für meine eigenen Kinder verfasst. Für den Autoren-Adventskalender habe ich sie umgeschrieben und freue mich sehr, sie auf diese Weise einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen zu dürfen.



Der Hilfsengel

»Ich findʼs blöd, dass Opa nicht mit uns feiern kann.« Missmutig stocherte Lena mit ihrer Gabel im Heringssalat herum. »Ohne ihn ist es gar kein richtiges Weihnachten. Und ohne Oma auch nicht.«

   Schon beim Krippenspiel hatten die beiden gefehlt. Genauer gesagt schon vorher, als Lena statt der Krone, die sie versprochen hatten mitzubringen, das zerknickte Ding aus der Kostümkiste aufsetzen musste. Den König Balthasar hatte sie trotzdem perfekt gespielt, ohne den kleinsten Patzer. Alle hatten sie hinterher gelobt: Mama, Papa, die Nachbarn, und sogar Finn, der sonst eher nervte.

   »Der Salat schmeckt mir nicht«, quengelte ich kleiner Bruder. Das stimmte. Der Geschmack war anders als sonst, wenn Oma ihr traditionelles Weihnachtsessen in der knallroten, weiß gepunkteten Schüssel von zu Hause mitgebracht hatte.

   Mama schaute unglücklich drein. »Ich habe ihn genau nach Rezept gemacht.« Hilfesuchend blickte sie zu Papa hinüber.

   »Schmeckt doch«, sagte Papa und genehmigte sich einen Nachschlag. »Wer will noch Würstchen?«

   Finn und Mama nickten. Lena hatte keinen Appetit. Hoffentlich kam wenigstens Oma bald! Statt wie sonst an Weihnachten neben Opa im Auto zu sitzen, war sie dieses Jahr mit der Bahn unterwegs. Sie musste lange fahren, über drei Stunden, und dann hatte sie auch noch in Hannover den Anschlusszug verpasst. Als Mama heute Nachmittag, kurz bevor sie zum Krippenspiel aufbrechen wollten, mit ihr telefoniert hatte, war Papa sofort aufgesprungen. »Ich hole sie ab«, hatte er gesagt und schon die Autoschlüssel gegriffen. Aber Oma hatte darauf bestanden, dass er mit ihnen in die Kirche ging. Sie wollte einfach den nächsten Zug abwarten. Wenn sie nicht bald eintraf, würde sie auch noch den Weihnachtsmann verpassen!

   »Wieso musste Opa ins Krankenhaus?«, wollte Finn wissen. Lena seufzte. Das hatten Mama und Papa ihnen doch schon zweimal erklärt.

   »Opas Herz war nicht gesund«, sagte Mama. »Deshalb ist er gestern operiert worden. Jetzt muss er sich erholen und wird dafür eine Weile in der Klinik bleiben.«

   Finn schob den Wurstzipfel in den Mund. Kauend verkündet er: »Ich bin satt.«

   »Man spricht nicht mit vollem Mund«, sagte Papa streng. Mama warf ihm einen Blick zu, woraufhin er hinzufügte: »Naja, es ist Weihnachten …«

   »Wann kommt endlich der Weihnachtsmann?« Finn war von seinem Stuhl gerutscht und rannte zur Haustür. Als er sie aufriss, wehte der Sturm ein paar alte Blätter herein.

   Es hatte zu regnen begonnen. Weihnachts-Schmuddelwetter, mal wieder. Allerfrühestens an Silvester würde es anfangen zu schneien. Oder an Ostern. In Filmen liegt an Heiligabend immer dick Schnee, dachte Lena sehnsüchtig. Eigentlich machte ihr das Wetter nichts aus. Drinnen im Haus war es umso heimeliger, mit all den bunten Lichtern, dem geschmückten Baum und dem Duft nach Kerzen und Lebkuchen. Aber wenn Opa schon nicht bei ihnen sein konnte – und auch Oma auf sich warten ließ –, hätte es dieses Jahr doch immerhin mal weiße Weihnachten geben können! Der Gerechtigkeit wegen. Das Klingeln von Glöckchen drang von draußen herein, wo Finn immer noch angestrengt Ausschau nach dem Weihnachtsmann hielt. Aber es war nur das Glöckchen-Mobile unter dem Dach des Carports, das klimperte.

   Lena nahm sich ein Plätzchen aus der Schale, die Mama zum Nachtisch hingestellt hatte. Köstliche Vanillekipferl, leckere Zimtsterne und knuspriges Buttergebäck. Wenigstens die Kekse schmeckten wie immer. Bloß die Pfeffernüsse mochte Lena nicht, Papa dafür umso mehr. »Wie lange dauert es noch, bis Oma da ist?«

   Papa, der eben das Telefon ans Ohr gehalten hatte, lächelte. »Sie hat auf die Mailbox gesprochen, dass ihr Zug ungefähr um diese Zeit ankommt. Ich habe ihr ein Taxi zum Bahnhof bestellt, damit ist sie ganz schnell hier.«

   Während Mama das Geschirr vom Tisch räumte, ging Papa zu Finn und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Komm jetzt rein und mach die Tür zu, ja? Es zieht wie Hechtsuppe. Oma wird jeden Moment klingeln, aber bis dahin muss das Haus doch nicht auskühlen.«

   »Können wir nicht im Wohnzimmer auf Oma und den Weihnachtsmann warten?«, fragte Lena. Das hatten sie immer so gemacht, wenn alle pappsatt waren und keiner mehr Lust auf Heringssalat oder Würstchen hatte. Heute allerdings war die Tür zum Wohnzimmers geschlossen gewesen, als Mama sie zum Essen in die Küche gerufen hatte.

   Mama und Papa warfen sich einen merkwürdigen Blick zu. »Setzt euch noch mal hin, ihr beiden«, sagte Mama, obwohl Lena gar nicht aufgestanden war. Ohne viel Begeisterung kletterte Finn zurück auf seinen Platz. »Wir müssen euch etwas sagen. Es ist nämlich so …« Ihre Stimme stockte. »Der Weihnachtsmann kann dieses Jahr nicht zur Bescherung kommen ...«

   Finn begann zu weinen. Schnell sprach Mama weiter und beruhigte ihn. »Wenn ihr brav gewesen seid, hat er ganz bestimmt Geschenke für euch dagelassen.«

   »War er denn hier und hat welche abgegeben? Ist deshalb die Tür zu?« Lena war ganz aufgeregt. Das musste die Erklärung für die verschlossene Tür sein! Dann aber fiel ihr ein, dass sie den ganzen Nachmittag zusammen verbracht hatten, ohne dass es einmal geklingelt hatte. Also lagen keine Geschenke unter dem Baum. Keine Geschenke, kein Weihnachtsmann, kein Opa, keine … Es klingelte. Endlich! War das Oma oder vielleicht doch der Weihnachtsmann, egal, was Mama gesagt hatte?

   »Oma!« Wieder war ihr kleiner Bruder als Erster an der Tür. Er schlang die Arme um Omas Beine und sah erwartungsvoll zu ihr auf. »Hast du die Geschenke mitgebracht?« Oma schaute ihn verdattert an. »Na, weil doch der Weihnachtsmann nicht kommt«, erklärte Finn.

   Oma lächelte und schob Finn ins Haus. »Nun lass mich erst mal rein.« Sie rieb sich die Hände. »Schön warm habt ihr es. Die Heizung im Zug hat nicht richtig funktioniert, ich musste bibbern.« Papa hatte den Taxifahrer bezahlt und trug Omas Koffer herein. Lena war ebenfalls aufgestanden, um Oma zu begrüßen. Sie fand, dass Oma ziemlich müde aussah. Aber als sie sich zu Lena und Finn hinunterbeugte, um sie zu umarmen, strahlte ihr Gesicht, trotz dunkler Ränder unter den Augen. »Fröhliche Weihnachten euch beiden! Was höre ich da? Der Weihnachtsmann kommt nicht?«

   Papa, der gerade Omas Mantel an die Garderobe hängte, drehte sich zu ihr um. »Aber Mutter, wir hatten doch darüber gesprochen!«

   Oma hob die Brauen und scheuchte Lena, Finn und Papa in die Küche. Dort bekam sie eine Tasse Tee in die Hand gedrückt von Mama, die ihr auch gleich etwas von dem nicht ganz so leckeren Heringssalat anbieten wollte. »Später«, wehrte Oma ab. »Fürs Erste nur Tee, danke. Es gibt da etwas, das ich euch geben soll.«

   Mama und Papa schauten Oma an, dann einander, dann wieder Oma. Als beide gleichzeitig den Mund aufmachten, schüttelte Oma den Kopf. »Ihr habt ja gehört, dass Opa im Krankenhaus liegt.«

   Lena und Finn nickten betrübt.

   »Das stimmt aber nicht.«

   Lena riss die Augen auf. Mama und Papa blickten verwirrt drein und wollten schon wieder etwas sagen.

   »Wieso stimmt das nicht?« Finn wippte auf seinem Stuhl auf und ab. Oma legte den Finger an die Lippen. Alle sollten ihr zuhören. Mit verschwörerischem Gesichtsausdruck griff sie in ihre Handtasche und zog einen Briefumschlag heraus. Gleich auf den ersten Blick erkannte man, dass es etwas Besonderes damit auf sich hatte. Er war größer als ein gewöhnlicher Brief. Auf dem bläulichen Umschlag glitzerte und schillerte es wie von Eiskristallen. Behutsam legte Oma ihn auf den Tisch.

   Lena hielt die Nase darüber und schnupperte. Der geheimnisvolle Brief duftete nach Weihrauch, Zimt und anderen festlichen Gerüchen. Er duftete nach Weihnachten. Lena entzifferte die verschnörkelte, altertümliche Schrift. Lena & Finn stand dort.

   »Mach ihn auf.« Oma nickte Lena auffordernd zu.

   »Nimm den Brieföffner«, sagte Mama und griff in die Schublade.

   Vorsichtig, mit klopfendem Herzen und zittrigen Fingern, schob Lena den Öffner unter die Klappe des Umschlags und riss ihn auf. Es knisterte aufregend, und der Duft verstärkte sich, als Lena ein dicht beschriebenes Blatt Papier herausnahm und auseinanderfaltete.


Nordpol, am 23. Dezember 2018, las sie am oberen Rand.

   Nordpol? Das konnte nicht sein … oder etwa doch? Als nächstes fiel Lena die Schrift auf, in der der erste Absatz des Briefes geschrieben war. Zur rechten Seite geneigt und ganz schön krakelig. Opas Schrift!

   »Lies ihn vor, Lena!«, drängte Finn.

   »Liebe Lena, lieber Finn«, begann Lena den Brief laut zu lesen. Trotz Aufregung gelang ihr das ziemlich gut, schließlich besuchte sie schon die zweite Klasse. In der Küche war es mucksmäuschenstill geworden. Selbst Finn saß ruhig da und hörte Lena mit offenem Mund zu.

   »Als erstes möchte ich Euch versichern, wie gern ich Euch besucht hätte. Es sieht so festlich und gemütlich bei Euch aus, mit den vielen Lichtern, dem Weihnachtsschmuck und dem wunderschönen Tannenbaum! Hier am Nordpol ist es auch schön, aber ziemlich kalt, weshalb ich zwei Paar Socken angezogen habe, die dicken, von Oma gestrickten. Sicher seid Ihr traurig darüber, dass der Weihnachtsmann Euch die Geschenke in diesem Jahr nicht persönlich überreicht. Dafür gibt es einen ganz speziellen Grund. Aber den erklärt er Euch besser selbst, denn er sitzt direkt neben mir. Ich glaube, er möchte sich bei Euch entschuldigen.«

   Lena räusperte sich, weil sie nun doch einen Kloß im Hals hatte. Der Weihnachtsmann wollte sich bei ihnen entschuldigen? Das würde ihr kein Mensch glauben. Ganz sicher nicht Jonas und Jason aus ihrer Klasse, die der Meinung waren, den Weihnachtsmann gäbe es gar nicht. Auch Lena waren mitunter Zweifel gekommen, und das, obwohl sie ihn doch schon mehrmals mit eigenen Augen gesehen hatte, an Heiligabend. Dass die ganzen Weihnachtsmänner und Nikoläuse, denen man während der Adventszeit überall in der Stadt begegnete, nicht echt waren, wusste Lena natürlich, sie war ja kein Trottel. Sogar Finn wusste das. Aber dieser Brief hier sah absolut echt aus, mit dem Glitzer, dem Geruch und allem.

   Was jetzt kam, war in Schnörkelschrift geschrieben, aber auch die bereitete Lena keine Schwierigkeiten. Oma schrieb hin und wieder Postkarten mit einer ähnlichen Schrift, deshalb war Lena daran gewöhnt. Schnell las sie weiter:

   »Liebe Lena und lieber Finn! Es stimmt, was Euer Opa schreibt, ich möchte Euch um Verzeihung bitten, dafür, dass ich ihn mir sozusagen ausgeborgt habe für den Heiligen Abend. Ich werde es Euch erklären: Ihr wisst ja, dass ich zur Unterstützung, um all die vielen, vielen Geschenke zu verteilen, normalerweise von meinem Weihnachtsengel begleitet werde. Jahr für Jahr ist er mir eine große Hilfe gewesen. Ohne ihn hätte ich es nie geschafft, alle Kinder zu besuchen. Natürlich habe ich mich auch in diesem Dezember ganz selbstverständlich auf die Hilfe meines Engels verlassen. Zu selbstverständlich! Ihr müsst nämlich wissen, dass Engel ziemlich eigensinnige Wesen sind. Mein Engel hatte sich in den Kopf gesetzt, dieses Jahr das Weihnachtsfest im Himmel zu verbringen.

   ›Schon als ganz kleiner Engel‹, hat er zu mir gesagt, ›als meine Flügel noch nicht richtig ausgewachsen waren, bin ich jedes Jahr mit dir gekommen, lieber Weihnachtsmann, um dir beim Bescheren zu helfen.‹ Gerade wollte ich mich bei meinem Engel bedanken, da fuhr er fort: ›Aber dieses Weihnachten möchte ich im Himmel feiern, mit meinen Geschwistern. Du musst ohne mich zurechtkommen.‹

   Für einen Augenblick verschlug es mir die Sprache. Dann antwortete ich dem Engel, das sei völlig ausgeschlossen. Er sei schließlich der Weihnachtsengel, und damit wäre es seine Pflicht, dem Weihnachtsmann zu helfen. Da lachte der Engel ein glockenhelles Lachen und sagte: ›Dann trete ich über Weihnachten in den Streik!‹

   Wisst Ihr, was ein Streik ist? Die Busfahrer oder Müllmänner streiken zum Beispiel, weil sie trotz ihres anstrengenden und schweren Berufs nicht ausreichend verdienen. Dann arbeiten sie so lange nicht, bis sie erreicht haben, was sie wollten: etwas mehr Geld oder bessere Arbeitsbedingungen. Nun hat so ein Engel mit Geld natürlich gar nichts im Sinn. Meinem Engel ging es einfach nur darum, an Weihnachten einmal frei zu haben.

   Erst war ich ein bisschen ärgerlich, aber dann konnte ich ihn doch verstehen. All seine Brüder und Schwestern feiern jedes Jahr gemeinsam Weihnachten, nur er fehlt immer. Also sagte ich zu ihm: ›In Ordnung. Dieses Jahr werde ich es eben allein schaffen müssen. Du brauchst nicht mehr zu streiken, du bekommst von mir ganz offiziell Urlaub über die Feiertage!‹ Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie sehr sich mein Engel darüber freute! Er ist um mich herumgetanzt und hat lauthals jubiliert, und es gibt kaum etwas Schöneres als das Jubeln eines Engels. Dann hat er den beim Tanzen verrutschten Heiligenschein zurechtgerückt, mir einen Kuss auf die Wange gedrückt und ist wie ein weißer Wirbelwind davongeflattert.

   Tja, da stand ich nun. Mein Engel war glücklich, aber wie sollte ich jetzt die Berge von Päckchen und Paketen zu den Kindern bringen? Immerhin war schon der vierte Advent. Zwar habe ich meine Rentiere und die kämen glücklicherweise nie auf den Gedanken zu streiken. Aber trotzdem würde ich es ohne Hilfe nicht schaffen. Es gab nur einen Ausweg: Ich brauchte einen Hilfsengel. Und genau da, liebe Lena und lieber Finn, kam Euer Opa ins Spiel.

   Der hatte mir nämlich schon in den letzten Jahren sehr geholfen, indem er meine Rentiere tränkte und ihnen eine Portion Kraftfutter gab, während ich Euch die Geschenke brachte. Selbstverständlich durfte das niemand wissen, aber unter den heutigen besonderen Umständen verrate ich Euch das Geheimnis. Bewahrt es gut!«

   Lena hörte auf zu lesen, weil sie überlegen musste. Deshalb also hatte Opa immer, wenn Bescherung war, etwas furchtbar Dringendes zu erledigen gehabt! Mal hatte er unbedingt telefonieren müssen, mal was Wichtiges im Auto liegen gelassen. Oder er hatte schnell aufs Klo gemusst. Lena grinste und hätte fast gekichert. Als sie sich wieder beruhigt hatte, las sie weiter vor:

   »Ich habe also Euren Opa gebeten, mich an Heiligabend auf meiner Reise zu begleiten. Von Haus zu Haus und Straße zu Straße. Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, rund um den Erdball. Zusammen gelingt es uns bestimmt, alle Geschenke rechtzeitig zu verteilen. Leider können wir sie den Kindern aber nicht persönlich geben. Die würden Augen machen, wenn da plötzlich zwei Weihnachtsmänner vor ihnen stünden! Und wie ein Weihnachtsengel sieht Euer Opa nun wirklich nicht aus. Deshalb stellen wir die Geschenke vor die Tür, auf den Balkon oder die Terrasse, damit die Eltern sie den Kindern unter den Weihnachtsbaum legen.

   So, nun wisst Ihr Bescheid und müsst Euch keine Sorgen mehr machen. Euer Opa ist unterwegs mit dem Weihnachtsmann, als mein erster offizieller Hilfsengel. Dafür bin ich ihm sehr, sehr dankbar.

   Es wird allmählich Zeit, dass wir aufbrechen. Die Rentiere werden unruhig, und Euer Opa ist rausgegangen, um sie vor den Schlitten zu spannen. Ich soll Euch eine dicke, feste Umarmung von ihm schicken. Die nächsten Tage wird er hier bei mir bleiben, um seinen verdienten Urlaub zu genießen, aber er freut sich schon darauf, Euch bald wieder einmal zu besuchen.

   Liebe Lena, lieber Finn, wir beide wünschen Euch, Euren Eltern und Eurer Oma ein gesegnetes Weihnachtsfest!


Es grüßen Euch herzlich

Der Weihnachtsmann und sein Hilfsengel«          

 

Eine Weile herrschte Schweigen. Finn fand als erster die Sprache wieder. »Opa ist ein Hilfsengel?« Er kicherte.

   Oma und Papa schmunzelten, während Mama sich über die Augen wischte und Papas Arm drückte. Gleich darauf lachte sie ebenfalls. »Ja, das ist wirklich eine Neuigkeit! Aber so ist euer Opa eben, immer für eine Überraschung gut.« Sie umarmte Oma, dann schaute sie Lena und Finn an. »So, jetzt wollen wir aber hinüber ins Wohnzimmer gehen, es wird allmählich Zeit für die Bescherung.«

   Drüben erwarteten sie jede Menge bunter Päckchen. Eins nach dem anderen wurde ausgewickelt und bestaunt.

   »Der Kran, den ich mir gewünscht habe!«, jubelte Finn und forderte Papa auf, ihm beim Zusammenbauen zu helfen, was der sich nicht zweimal sagen ließ.

   Lena freute sich über ihr neues Fahrrad. Mit glänzendem lila Rahmen und großen Rädern – zwanzig Zoll, hatte Papa gesagt –, genau wie sie es sich gewünscht hatte. Wenn das Wetter so bliebe, würden sie es morgen mit einer kleinen Radtour einweihen, versprach Mama. »Ein bisschen Regen schadet ja nicht.« Manchmal hatte das Weihnachts-Schmuddelwetter auch seine Vorteile.

   Im Stillen war Lena noch immer mit dem Brief beschäftigt. Auf einmal war es gar nicht mehr so schlimm, dass weder Opa noch der Weihnachtsmann an diesem Heiligabend bei ihnen waren. Lena war mächtig stolz auf Opa. Morgen, gleich nach dem Frühstück, wollte sie ihm ein wunderschönes Weihnachtsbild malen. Sie wusste auch schon, was darauf abgebildet sein würde: Der Weihnachtsmann, der in seinem Schlitten um die ganze Erde fuhr, beladen mit jeder Menge Geschenke – und Opa, der Hilfsengel.


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